Der Mensch ist das Maß aller Dinge, nicht die Gemeinschaft, das Volk, nicht die Partei, nicht der Staat, nicht die Nation, nicht die Erde, nicht das Universum...
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Groß ist, was klein ist (FAZ, 26.07.2010

Nicht jede Stadt sucht nach einem eigenen Stadtphilosophen. Bremen aber war immer etwas Besonderes. Leopold Kohr und die Hansestadt, davon scheint man dort überzeugt, passen zueinander: Schließlich predigte der österreichische Nationalökonom, Größe sei ein Problem, nicht eine Lösung. Auf seinen Satz, alles, was falsch sei, sei zu groß, berufen sich Bremer, die


als Bundesland eigenständig bleiben wollen, ebenso gerne wie auf seine Mahnung, Demokratie könne sich nur in kleinen Einheiten entfalten. Für die Salzburg-Tage in Bremen um den Salzburger Kohr herum gilt - 16 Jahre nach seinem Tod - das Kleine weniger: Immerhin zwei Monate lang feiert die älteste Stadtrepublik Europas den Träger des Alternativen Nobelpreises mit Ausstellungen, Konzerten und Vorträgen.

Kohr und sein Lebensthema passten "wunderbar zu Bremen", befindet Bremens Bürgermeister Jens Böhrnsen. Nicht wenige jener, die in Bremen politischen oder geistigen Einfluss haben - Böhrnsens Stellvertreterin Karoline Linnert, der Philosoph Dieter Senghaas, der Radiomoderator Theo Schlüter -, stehen hinter dem Versuch, mit Kohr und den Salzburg-Tagen die Lehre vom rechten Maß zu festigen. Besucher stoßen derzeit allerorten auf den geistigen Vater der Bewegung "Small is Beautiful" - im Rathaus, im Haus der Wissenschaft und im Bremer Presse-Club ebenso wie im Konzerthaus "Die Glocke" oder auch in Weinlokalen. Schließlich setzte Leopold Kohr auf Vorträge und Debatten in Cafés und Gasthäusern und traf dort Gleichgesinnte, von George Orwell über Otto von Habsburg bis Ernest Hemingway.

Bremen weist auf die globale Finanzkrise und setzt dem Forderungen entgegen nach einer menschengerechten Stadtplanung und der Verantwortung des Einzelnen. Nachdem man an natürliche Wachstumsgrenzen stoße, glauben die Organisatoren der Salzburg-Tage, müsse man sich wieder auf das Lokale besinnen. Vor siebzig Jahren warb Leopold Kohr im amerikanischen Exil für ein Europa der Kantone. Vielleicht denken manche Bremer angesichts der Misere in Berlin ja auch daran - ihr Stadtphilosoph hatte nicht nur Untertanengeist verachtet, sondern auch Unabhängigkeitsbestrebungen von Wales bis zum karibischen Anguilla beeinflusst. ROBERT VON LUCIUS

F.A.Z., 26.07.2010, Nr. 170 / Seite 2

 
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Was Kohr dachte und wie er sich ein besseres Zusammeneben vorstellte, erliest man sich in fünf schlanken Büchern aus dem Otto Müller Verlag.

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